Hochdachkombi als Minicamper – Selbstausbau oder Campingbox?

Minicamper werden nicht nur wegen Corona immer mehr zum Trend. Galten bisher die klassischen Transporter wie der VW Bus oder Fahrzeuge ähnlicher Größe als kleinst möglichstes Limit, um damit einen Urlaub zu gestalten, werden immer mehr sogenannte Minicamper als Reisemobil auf Europas Straßen gesichtet. Ausgangsbasis ist meist ein Hochdachkombi. Aber auch kleinere Fahrzeuge sind nicht mehr vor der Kreativität einiger Do-it-Yourselfer geschützt. Minicamper sind sparsam, praktisch und fahren auch noch dort, wo kein Wohnmobil hinkommt.

Um für Singles oder Paare ein günstiges und flexibles Reisemobil zu verwirklichen, sollte man einen Hochdachkombi als Mindestanforderung verstehen. Schließlich soll es ja nicht nur eine Übernachtungsmöglichkeit für ein Festival – Wochenende sein, sondern eine preiswerte Alternative zu einem ausgewachsenen Wohnmobil. Obwohl es Leute geben soll, die Vollzeit in einem Hochdachkombi wohnen – zum Wohnen wird ein solches Fahrzeug allenfalls Aussteigern gerecht. Dennoch sollte ein Minicamper so geschaffen sein, das auch die Möglichkeit besteht, sich einen Kaffee zu kochen und Platz für eine Katzenwäsche einschließlich Zähne putzen bieten. Bei schlechtem Wetter sollte auch ein längerer Aufenthalt im Auto möglich sein.

Welches Fahrzeug eignet sich als Minicamper?

Grob gesagt alle Hochdachkombis wie zum Beispiel der VW Caddy, Citroën Berlingo, Renault Kangoo, Dacia Dokker oder Peugot Partner. Manche dieser Modelle gibt es auch als Langversion, was die Schlaffläche in der Länge vergrößert. Es gibt auch Handwerker – Varianten, die ohne Fenster und Rücksitze zu haben sind. Auch fehlen hier meist Wand- und Deckenverkleidungen. Will man das Fahrzeug aber auch als Alltagsauto nutzen, bietet sich die Normalversion mit Rücksitzen an. Wie die Motorisierung und sonstige Ausstattung beschaffen ist, hängt davon ab, wie tief man in die Tasche greifen will. Bei einem Neufahrzeug ist der Dacia Dokker unschlagbar günstig. Wer einen Gebrauchten anschaffen will, sollte bei den „Handwerkerfahrzeugen“ davon ausgehen, dass diese nicht die schonendste Behandlung erfahren haben, was sich meist aber schon in der Optik des Interieurs widerspiegelt. Dennoch eignen sich viele Gebrauchte gerade für den Selbstausbau. Der nachträgliche Einbau eines Fensters ist eher etwas für erfahrene Handwerker. Man sollte also beim Kauf eines gebrauchten Hochdachkombis die Kosten für so einen nachträglichen Einbau berücksichtigen. Gleiches gilt für eine Standheizung.

Selbstausbau oder Campingbox?

Für fast alle der oben genannten Fahrzeuge gibt es passend geschneiderte Campingboxen. Das sind im Grunde Schubladensysteme mit einer ausklappbaren Liegefläche, die einfach hinten in den Hochdachkombi reingestellt werden. Dazu muss an dem Fahrzeug baulich nichts verändert werden. Wenn man schlafen will, muss man die Sitze umklappen und/oder verschieben und die Liegefläche herrichten. In den Schubladen ist meist ein Campingkocher verstaut und Platz für Utensilien vorhanden. Es gibt diese Campingboxen ab etwa knapp 1000 Euro in der einfachsten Version. Für eine ausgestattete Küchenbox mit Bett werden schon 2000 bis 3000 Euro abgerufen. Bekanntere Hersteller sind etwa Campal oder QUQUQ neben vielen anderen. Ein preiswertes Stecksystem ist die BiberBox. Auf deren Seite kann man sich auch einen Bauplan nebst Materialliste downloaden.

Wer die Ausgabe für eine fertige Campingbox scheut, aber trotzdem Spaß an der Idee eines Minicampers gefunden hat, für den bleibt noch die Möglichkeit des Selbstausbaus. Das handwerkliche Geschick und die nötigen Werkzeuge natürlich vorausgesetzt. Die einfachste Ausbauvariante besteht darin, sich hinten eine Matratze reinzulegen. Doch eine Matratze macht natürlich noch keinen Minicamper aus und stellt lediglich einen Schlafplatz dar. Aber der Fantasie sind bekanntlich keine Grenzen gesetzt. Wir haben unzählige Videos auf YouTube angeschaut, uns Anregungen geholt und die eine oder andere Idee „geklaut“. Leider war nichts dabei, was unsere Bedürfnisse zu einhundert Prozent befriedigt hätte. Das liegt vermutlich daran, dass wir andere Anforderungen haben. Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht und unser eigenes Konzept entwickelt und verwirklicht. Als Basisfahrzeug dient unser Dacia Dokker. Aus diesem wurde der „Boondokker“.

Modulbauweise mit Aluprofilen

Hochdachkombi als Minicamper
Hochdachkombi als MinicamperRohbau

Grundsätzlich sollte bei unserem Ansatz der ganze Einbau minimalinvasiv und mit ein paar Handgriffen wieder entfernbar sein. Das Fahrzeug sollte nach Möglichkeit nicht angebohrt oder irgendwie anderweitig beeinträchtigt werden. Deswegen haben wir einer Modulbauweise gegenüber eines festen Aufbaus auf einer einzigen Grundplatte den Vorzug gegeben. Jedes Modul ist mit zwei Schrauben an der Karosserie verankert. Die Module sind aus sogenannten Strangpressprofilen gefertigt. Sie gibt es passgenau geschnitten zum Beispiel bei myaluprofil. Die beiden hinteren Module sind jeweils an der vorhandenen Befestigung für die Zurr – Ösen verschraubt, die vordere mithilfe eines Aluminiumwinkels an der Stelle, wo sonst die Rückbank angeschraubt ist. Als Verstaumöglichkeiten haben wir Euroboxen vorgesehen. Diese sind zur Mitte hin ausziehbar und zusätzlich von oben durch die Klappdeckel zu erreichen. Ein Wassertank im Euroboxformat ist ebenfalls vorhanden.

Letztendlich wurde auch Wert auf eine ansprechende Optik des Endergebnisses gelegt. Maßgeblich war aber, wie praktisch der Ausbau den Anforderungen und Gegebenheiten einer Urlaubsreise, die als feste Größe und Rückzugsort nur das eigene Auto kennt, entgegenkommt. Man steigt am Ende des Tages nicht einfach aus dem Auto aus, sondern man schläft darin, wacht darin auf und beginnt einen neuen Tag. Das geht nur, wenn man eine Routine entwickelt und eine Ordnungsstruktur schafft und strikt einhält. Wenn man Stunden damit verbringen muss, um irgendetwas im Auto suchen zu müssen, wird aus der geplanten, entspannten Urlaubsreise schnell eine Tour der Leiden. Je kleiner der Platz, um so organisierter sollte er sein. Diese Überlegungen sind mit in unseren Ausbau eingeflossen.

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Zudem haben wir größtmöglichen Wert auf Effizienz und Flexibilität gelegt. Auf keinen Fall wollten wir die Vorteile von zwei Schiebetüren, die der Dacia Dokker (nicht die Express-Version) besitzt, nicht dadurch zunichtemachen, indem wir eine Schiebetür zubauen. Das ist oft auf YouTube zu bewundern. Um das Ein- und Aussteigen durch besagte Schiebetüren so wenig wie möglich zu behindern, haben wir auf eine „Kiste“ hinter den Sitzen verzichtet und uns eine andere Lösung erdacht: die flexible Bodenplatte, die im Schlafmodus zur Liegefläche wird. Wie das funktioniert, kann man den Ausbauvideos entnehmen.

Und so entstand nach und nach das Boondokker-Konzept. Es unterscheidet sich in wesentlichen Punkten von dem, was bisher auf Youtube zu sehen war. Das geht los bei der Auswahl der Materialien. Dazu muss man wissen, dass so gut wie jede aus Spänen oder Fasern gepresste Platte Formaldehyd enthält. Lediglich die Menge ist unterschiedlich und bei Platten für den Möbelbau gelten gewisse Richtwerte. Man kann sich leicht ausmalen, dass je minderwertiger das Material und je größer die Menge davon in einem kleinen Raum wie einem Hochdachkombi verwendet wird, die Ausgasung ansteigt. Auf YouTube gibt es Varianten mit OSB-Platten ebenso zu bewundern wie Ausbauten mit Phenolharz beschichteten Siebdruckplatten, ein Material vorwiegend für den Anhängerbau. Auch wenn der Flightcase-Look seine Reize hat, sind solche Siebdruckplatten für den Innenausbau nicht zu empfehlen.

Die Materialien

Aber ganz ohne Holz geht es natürlich nicht. Hier wurde lediglich die Menge auf das Nötigste reduziert, sowohl in der Dicke als auch in der Fläche. Eine durchgehende Bodenplatte als „Fundament“ gibt es beim Boondokker nicht, auch kein Rahmenholz. Stattdessen wurden Module konstruiert, die im Ganzen eingebaut und wieder entnommen werden können. Die Modulrahmen bestehen aus Aluprofilen vom Typ 6B. Diese haben eine Kantenlänge von 20 mm und in die Hohlkammer kann ein 6 mm – Gewinde geschnitten werden. Für die alternative I-Variante der Strangpressprofile wären bei 20 mm Kantenlänge lediglich ein 5 mm – Gewinde ohne weitere Bohrarbeiten möglich gewesen. Die beiden hinteren Module haben jeweils eine Grundplatte aus 12 mm Birke Multiplex und können jeweils drei Euroboxen der Maße 30 x 40 x 32 cm aufnehmen, eine Box ist ein designierter Wasserkanister mit 23 Litern Inhalt. Die Euroboxen sollen helfen, eine gewisse Ordnungsstruktur einhalten zu können und nicht alles in einer großen Rumpelkiste suchen zu müssen.

Das vordere Modul dient im Wesentlichen als Unterkonstruktion für die Liegefläche und bietet noch etwas Stauraum. Bleibt noch der Mittelgang zwischen den beiden hinteren Modulen. Hier finden ein Kompressorkühlschrank und eine Eurobox von 40 x 30 x 18,5 mit Deckel Platz. Darüber befinden sich zur Vervollständigung der Schlaffläche lose Platten, ebenfalls aus 12 mm Multiplex, die beide noch als Tischplatten Verwendung finden können. Für den Winterbetrieb kann ein Eurobox – Platz zugunsten einer Dieselstandheizung benutzt werden. Einzelheiten hierzu sind in einem gesonderten Artikel zu finden.

Alle Verbindungen der Alurahmen und Deckel sind mit metrischen Gewindeschrauben verwirklicht, was einen Kostenfaktor darstellt, der nicht unerwähnt bleiben soll. Es werden Schrauben verschiedener Bauformen, Länge und Dicke benötigt. Es ergibt Sinn, diese in Verpackungseinheiten zu kaufen und nicht einzeln. Zusammen mit Winkeln und anderen Befestigungsmaterialien dürfen hier gerne so um die 100 Euro eingeplant werden.

Maximale Schlaffläche

Nicht verhandlungsfähig ist bei unserem Konzept die Liegefläche. Sie beträgt bei unserem Dokker hinten an der schmalsten Stelle zwischen den Radkästen 114 cm. In der Länge sind es 176 cm, wobei an den Füßen noch Luft ist. In der Regel muss man bei unserem Ausbau die Sitze nicht mehr verstellen, es passt so, wie es ist. Wer aber gerne tief und möglichst weit hinten sitzt, bekommt bei unserem Ausbau die Grenzen aufgezeigt, weil das vordere Längsmodul fest eingebaut ist und die Sitze sich nicht mehr weiter nach hinten verschieben lassen. Das gilt auch für die Rückenlehnen, die sich nicht mehr beliebig weit nach hinten verstellen lassen. Trotzdem ist es jetzt nicht so, das wir in den Sitzen „eingeklemmt“ wären, es ist noch ausreichend Bewegungsfreiheit. Eine etwas fülligere Person könnte aber schon Probleme bekommen. Dieses sollte man bei einem vielleicht angestrebten Projekt Minicamper mit berücksichtigen.

Natürlich muss man Kompromisse eingehen. Ein Dacia Dokker ist kein Wohnmobil oder vergleichbar mit einem VW Transporter der T-Reihe. Bei der Sitzhöhe muss man sich überlegen, ob man lieber den Kopf etwas neigt oder mehr hockt als sitzt. Aber wie schon gesagt, hinten im Dokker zu verweilen soll in erster Linie dem Schlafen vorbehalten und alles andere die Ausnahme bleiben. Auf eine Küchenzeile mit Spüle wurde zugunsten der Liegefläche, die die ganze Fahrzeugbreite einnimmt, verzichtet. Allerdings wird eine Wasserpumpe mit flexiblem Schlauch eingebaut, um bequem Wasser entnehmen zu können, wobei der mitgeführte Wasservorrat im Tank nur zum Waschen, Zähneputzen und Geschirr abwaschen dient. Für Kochzwecke wird Wasser aus Flaschen bevorzugt, denn das Wasser in dem Kunststofftank kann je nach Verweildauer vielleicht einen brackigen Geschmack bekommen. Das Schmutzwasser wird an Ort und Stelle entsorgt, von daher gibt es keinen Abwasserkanister. Selbstverständlich verwenden wir nur ökologisch unbedenkliche Waschmittel. Als Spül-/Waschbecken dient eine faltbare Schüssel aus der Campingabteilung.

Minimale Bordelektrik

Kommen wir zum Thema Elektrik. Die meisten YouTube-Videos über Minicamper-Ausbau zeigen eine verschwenderische Fülle von Anzeigen, Schaltern und Steckdosen. Vieles davon kann man haben, muss man aber nicht. In der heutigen Zeit wird so ziemlich alles aus der mobilen Consumer – Elektronik wie Kameras und Handys über USB – Netzteile geladen. Man braucht auch kein stromfressendes, ausgewachsenes Notebook, um Dateien zu sichern. Hier tut es auch ein wesentlich sparsameres Chromebook. Eine 220 – Volt – Versorgung ist im Prinzip völlig überflüssig. Die Elektrik im Boondokker ist rudimentär. Sie besteht aus einer AGM – Bordbatterie, die wegen dem Kühlschrank erforderlich ist. Diese wird über einen Ladebooster geladen. Eine Pumpe für den Wassertank, ein Sicherungsblock, zusätzliche USB- und 12V – Anschlüsse und das war es auch schon. Die gesamte Elektrik findet zusammen mit der Batterie in einem Plastikgehäuse Platz.

Für moderne Euro 6 – Fahrzeuge ist ein Ladebooster unabdingbar, weil jedes Mittel für eine rechnerische CO2 – Einsparung genutzt wird. Die Ladespannung der Lichtmaschine wird nun in Abhängigkeit vom Ladezustand der Starterbatterie reguliert. Erkennt der Zentralcomputer des Fahrzeugs eine volle Starterbatterie, wird die Lichtmaschine zum Nichtstun ermuntert. Deswegen haben viele Wohnmobilisten sich jüngst über nicht ausreichend geladene Bordbatterien (nicht Starterbatterien!) beklagt. Grund hierfür sind die einfach gestrickten Trennrelais, die noch nichts vom Lademanagement der neuen Euronormen gehört haben. Über das Nichtmehrvorhandensein einer D+Klemme an der Lichtmaschine, Voraussetzung für ein Trennrelais und die meisten Ladebooster, ganz zu schweigen.

Fazit

Ein Hochdachkombi als Minicamper ist eine überlegenswerte Alternative für alle, die nach einer preisgünstigen und flexiblen Möglichkeit suchen, um Urlaub zu machen. Ein Minicamper ist in der Regel weniger auffällig als ein ausgewachsenes Wohnmobil. Das kann sich als nützlich erweisen, wenn man einmal keinen Stellplatz für die Nacht findet. In den meisten Ländern ist das Camping auf nicht extra ausgewiesenen Flächen oder Parkplätzen verboten und ein parkendes Wohnmobil erweckt oft ungewünschte Aufmerksamkeit. Das ein Hochdachkombi wesentlich leichter auf Serpentinen oder durch manche Innenstädte zu lenken ist, liegt auf der Hand. Ein Minicamper ist alltagstauglich, wohingegen ein Wohnmobil mit Ausnahme weniger Wochen ungenutzt herumsteht. Dafür verzichtet man auf die Annehmlichkeiten einer Toilette oder einer Dusche. Für manche ist das allein schon ein Ausschlusskriterium. Auch für Familien mit Kindern ist das Übernachten in einem Minicamper kaum vorstellbar. Für Singles und Paare ist ein Minicamper vielleicht die beste Gelegenheit, um zu testen, ob Urlaub in Eigenregie der eigenen Lebensvorstellung entgegenkommt. Aber Vorsicht, für viele ist ein Minicamper nur eine Einstiegsdroge.

3 Gedanken zu „Hochdachkombi als Minicamper – Selbstausbau oder Campingbox?“

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